20 Sätze, die getrennte Eltern ihrem Kind niemals sagen sollen

stark und alleinerziehend 20 Sätze, die getrennte Eltern ihrem Kind niemals sagen sollen Alexandra WidmerDie Nägel im Zaun

Es war einmal ein kleiner Bub, der schnell wütend wurde und dann ausrastete. Da gab ihm sein Vater einen Hammer und eine große Packung voller Nägel:

„Jedes Mal, wenn du wieder wütend wirst und ausrastet, gehst du zu diesem Lattenzaun und schlägst einen Nagel hinein.“

Der Junge war damit einverstanden, auch wenn er den Sinn dahinter nicht verstand.

Am nächsten Tag hämmerte der Bub bereits 30 Nägel in den Zaun. Die Tage vergingen und mit jedem Tag wurden es weniger Nägel, die der Junge in den Zaun schlug. Ihm wurde bewusst, dass es einfacher war, Nägel in den Zaun zu hämmern, als auszurasten.

Eines Tages war es schließlich so weit, dass er überhaupt nicht mehr ausrastete. Ganz stolz teilte er das seinem Vater mit. Der Vater nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm zum Zaun:

„Von nun an machen wir es so: Für jeden Tag, den du nicht ausrastet, darfst du einen Nagel wieder aus dem Zaun ziehen.“

Der Bub war wieder einverstanden.

Wieder vergingen mehrere Tage, bis der Junge zu seinem Vater lief und ihm mitteilte, dass nun keine Nägel mehr im Zaun sind. Der Sohn freute sich sehr.

Gemeinsam gingen sie zum Zaun. Der Vater sagte zu ihm:

„Ich bin sehr stolz auf dich. Das hast du toll gemacht. Aber schau dir die vielen Löcher im Zaun an, die die Nägel hinterlassen haben. Der Zaun ist nicht mehr der, der er einmal war.“

Der Junge stimmte seinem Vater zu und der Vater fuhr fort:

„Denk daran, wenn du das nächste Mal wütend etwas zu anderen Menschen sagst. Deine Worte könnten Narben hinterlassen, so wie diese Nägel Spuren im Zaun hinterlassen haben. Auch wenn du dich entschuldigst, die Narben bleiben.“

Autor unbekannt.

Meine Nägel

Als ich diese Geschichte vor Jahren das erste Mal hörte, durchlief mich ein Schauer. Worte können Narben hinterlassen. Ich wusste das und dennoch ist es auch mir passiert.

Ich habe vor meinen Kindern über den Vater geschimpft. Zu verletzt, enttäuscht, traurig und wütend war ich über die Tatsache, dass er mich verlassen hatte.

In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich in meiner Beratung viele solche Äußerungen gehört und möchte dir die 20 häufigsten Sätze vorstellen.

  1. Dein Vater ist ein Idiot. 
  2.  Deine Mutter ist eine Schlampe.
  3. Wenn du jetzt zu ihm bzw. ihr gehst, brauchst du gar nicht zurückzukommen.
  4. Wenn dir meine Erziehung nicht passt, dann ziehe doch zu deinem Vater bzw. deiner Mutter. Wirst schon sehen, was du davon hast.
  5.  Wie bitte? Du hast mit der Neuen gespielt? Der neue Kerl hat dich ins Bett gebracht?
  6. Hast du mittlerweile die 10. Frau von deinem Vater kennengelernt?
  7.  Der neue Mann deiner Mutter ist ein Vollpfosten.
  8. Ich möchte alles wissen. Komm erzähl schon. Was habt ihr gemacht? Er bekommt es doch sowieso nicht gebacken.
  9. Die neue Frau hat keine Ahnung von Kindern. Die wird dich nicht mehr zu Gesicht bekommen.
  10. Dein Vater hat uns hier ohne Geld sitzen lassen. Kannst dich bei ihm beschweren, dass du keine neue Jeans bekommst. Er hat Schuld.
  11. Deine Mutter schmeißt das Geld aus dem Fenster. Der zahle ich doch nicht noch mehr Unterhalt. Ich bin doch nicht verrückt.
  12. Du benimmst dich genau wie dein Vater. Du benimmst dich genau wie deine Mutter. So kann ja nichts aus dir werden.
  13. Dein Vater macht sich ein schönes Leben, während ich mit all dem Stress hier allein da stehe.
  14. Dein Vater bzw. deine Mutter weiß nicht, wie man dich richtig erzieht.
  15. Wir sind deinem Vater egal.
  16. Er oder sie wird dafür vor Gericht bluten. Das verspreche ich dir.
  17. Deine Mutter ist eine fiese Schlange. Frauen werden sowieso immer bevorzugt.
  18. Weil deine Mutter sich so verhalten hat, bin ich abgehauen. Ich konnte nicht anders.
  19. Deinen Vater ist seine neue Familie wichtiger als wir, sonst würde er sich ja melden.
  20. Ich habe dich so vermisst, als du bei Papa oder Mama gewesen bist. Es geht mir besser, wenn du bei mir bist. Hier ist es doch viel besser, oder?

Deine Nägel?

Was steckt hinter diesen Aussagen?

Ein ganz großer Schmerz. Die Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst, Wut, Hass und Trauer sind die Emotionen, die uns zu solchen Aussagen hinreißen lassen.

Jetzt denkst du wahrscheinlich.

Ja, aber so ist er oder sie doch. Soll ich mein Kind etwa anlügen und ihm vormachen, dass ich den Papa oder die Mama ganz toll finde, um mein Kind zu schonen?

Nein! Das sollst du nicht.

Nachdem ich vor vier Jahren in voller Wut einen bösen Satz über die neue Freundin des Vaters gesagt hatte, wurde mir klar, dass es so nicht weitergeht. Meine Tochter erinnert sich noch heute an diese Aussage und es hat ein Loch in ihrem Zaun hinterlassen. Ich hatte sie in einen Loyalitätskonflikt gebracht.

Was können wir tun?

Alle Welt redet davon, dass wir das Kindeswohl mit seinen Bedürfnissen im Blick haben sollen. Leichter gesagt als getan, wenn wir es nicht gelernt haben, mit unseren heftigen Emotionen rund um eine Scheidung bzw. Trennung umzugehen und die einzige Lösung darin sehen, diese Gefühle über Manipulation, Kampf, Macht oder Rückzug zu reduzieren.

In diesem Fall machen wir uns vor dem Kind “Luft“, indem wir über das Verhalten des anderen Elternteils herziehen.

Dein Kind kann damit nicht umgehen! Es hat nicht die Kompetenzen dafür und wird alles in seiner Macht Stehende tun, um dich glücklich zu machen.

Solange wir als Eltern nicht lernen mit unseren schmerzhaften Emotionen angemessen umzugehen, sind wir die wahren Kinder!

Und wie sollen Kinder über Kinder entscheiden?

Wenn du dich in einem dieser Sätze wiedererkannt hast, dann möchte ich dir als Erstes sagen: Toll, dass du bis hierher weitergelesen hast. Zweitens kenne ich keine Person, die sich immer beherrschen kann. Das ist normal und menschlich. Falls du jedoch merkst, dass die Sätze häufiger vorkommen, frage dich, mit welchem Gefühl kommst du nicht zurecht?

Deiner Wut?

Deinem Hass?

Deiner Angst?

Deiner Trauer?

Deiner Ohnmacht?

Deiner Hilflosigkeit?

In meinem Buch erzähle ich dir ausführlich, wie ich mit meiner Wut umgegangen bin, so dass meiner Töchter diese Aussagen von mir nicht mehr hören. Suche dir einen externen Freund, Coach, Mentor, Berater, Therapeuten, mit dem du Wege erarbeitest, um mit deinen Gefühlen wirklich gut umzugehen und sie in dieser Art nicht vor deinem Kind zu äußern.

Meinen Satz  lautet:

„Du merkst sicherlich, dass ich wütend, traurig, ärgerlich usw. bin, wenn der Name deines Vaters bzw. deiner Mutter fällt. Doch dafür kannst du nichts, es ist nicht deine Schuld. Es ist meine Verantwortung damit umgehen zu lernen. Du bist das Kind und ich der Erwachsene, der auf dich aufpasst und dich liebt.“

Ich glaube fest daran, dass wir es schaffen können, weniger Nägel in den Zäunen der Kinder zu hinterlassen.

Auch dir wünsche ich so wenig Nägel wie möglich in deinem Zaun. Das hast du genauso verdient. Nur so kannst du gut für dein Kind da sein.

Fang an und traue dich, deinem Schmerz hinzuwenden und ihn dann zu überwinden. Du schaffst das!

Ich wünsche dir und euch nur das Beste.

Alles Liebe

Alexandra Widmer

P.S. Nur wenn es dir gut geht, geht es deinem Kind gut. 

Pixabay Bild.

10 Kommentare

  • Was sagt man seinem Kind wenn es sagt:
    "Mama warum wolltest Du bei Papa ausziehen?"

    -Wie kommst Du jetzt darauf, mich das zu fragen?

    "Papa hat gesagt du wolltest ausziehen!"

    Würde ich die volle Wahrheit sagen, müsste ich sagen "Dein lieber Papa hat uns raus geschmissen, damit seine Schlampe bei ihm einziehen konnte!"

    Sag ich natürlich nicht aber Lügen damit mein Ex gut da steht und ich wie der Ar...h?

    Ich sagte dann "Papa wollte lieber mit XY zusammen leben, daher sind wir aus seinem Haus ausgezogen!"

    Auszug war vor 3 Jahren und mein Sohn 5 meine Tochter knapp 4. Mein Sohn kann sich noch recht gut erinnern.
    Vor kurzem fragte er mich "Wo war Papa an dem Wochenende als wir ausgezogen sind?"
    Ich hab ihm die Wahrheit gesagt "Er war an dem WE bei XY!" (und hat uns mit der ganzen Arbeit allein gelassen obwohl er wusste, dass ich krank bin und unsere Kleine auch :-(

    Ich weiß nicht ob meine Antworten richtig waren aber immer lügen um meinen Ex gut da stehen zu lassen sehe ich auch nicht ein.
  • Niemand ist perfekt. Ich kenne viele getrennten Eltern, aber niemanden, der solche Sachen zu seinem Kind sagen würde. Keine Ahnung.

    Aber dass man mal Sachen raushaut, die andere verletzen (könn/t/en) ist nun mal so. Das Leben ist kein Ponyhof, das passiert. Niemand kommt unbeschädigt aus einer Familie. Niemand. Die Frage ist nur, wie man mit solchen Fehlern umgeht, mit Gefühlen, Wut, Ärger, Frust, Verletzungen. Das alleine zählt. Alle lernen, auch die Eltern. Wenn Eltern ihre Fehler eingestehen und erklären können, ist das sehr viel Wert ...
  • Genauso ist es. Solche Sätze sollten nicht geben. Gibt es leider doch und ich wollte nochmal darauf aufmerksam machen.
    VG A.Widmer
  • Jupp,
    PAPALAPAPI hat vollkommen recht! Daumen hoch; wahrscheinlich ein Mann ;-)
    Es fällt hier leider wieder einmal auf das fast nur Frauen schreiben. Das liegt wohl an den "männlichen Genen". Wir wissen zwar das wir Fehler gemacht haben aber wir reden/schreiben darüber nicht in der Öffentlichkeit; leider! Es sind nicht immer nur die Männer Schuld das Kinder bei nur einem Elternteil aufwachsen (sofern es überhaupt eine "Schuldzuweisung" geben muss!)
  • Oh wie gut ich all diese Gefühle kenne.
    Doch da ich ohne meinen Vater aufgewachsen bin, beeinflusst und mit festem Bild von ihm, dank der Aussagen meiner Mutter über ihn, wollte ich es anders machen. Lieber verlasse ich kurz die Situation bzw den raum um mich zu sammeln.
    Egal was passiert ist, egal wie groß die Wut auf diesen Mann ist. Es ist meine Wut auf ihn. Ich möchte das mein Kind seinem Vater vorurteilsfrei bleibt.
    Ich muss dazu sagen das der Vater sich seit fast zwei Jahren nicht mehr kümmert oder Meldet.
    Dennoch habe ich die Hoffnung das dies irgendwann geschieht. Und dann möchte ich das mein Kind nicht in einer hasserfüllten Situation landet.
    Wenn er alt genug ist kann ich ihm immer noch alles erklären. Aber so oder so soll er sich sein eigenes Bild machen.
    Ich habe damals meinen Vater mit 18 gesucht und kennengelernt. Dennoch stand soviel zwischen uns. Und er war schlussendlich ein fremder mensch der mir und meiner Mutter als Kind böses angetan hat. Der Kontakt hielt natürlich nicht.
    Ich weiß wie schwer es ist, aber egal wie sehr wir damit kämpfen. Wie wütend wir sind. Wie verletzt oder traurig.
    Für unser Kind ist das eine geliebte Person. Wir zerstören ihr Bild über die Person. Und das tut keiner kinderseele gut.
    Ich bin eigentlich eine sehr stille mitleserin aber ich möchte mal meinen imaginären Hut vor dir, deiner Arbeit und deiner Leistung ziehen!

    LG cindy (mama eines wunderbaren 5 jährigem Prinzen )
  • Liebe Cindy, um so mehr freue ich mich riesig, dass du dich hier äusserst. Danke für deine lieben und wahren Worte. Ich sehe es genauso wie du, auch wenn es sicherlich oft nicht leicht ist.
    Ich wünsche dir und deinen Prinzen alles Liebe und Gute
    Alexandra Widmer
  • OMG.....sowas von zum richtigen Zeitpunkt ist dies angekommen....ich stecke tiefer drin als jemals zuvor....ich könnte den ex wirklich eine runterhauen..und das obwohl wir seit 6 Jahren geschieden sind...er benimmt sich total daneben gegenüber auch seinen Kindern (wenn er sie dann mal sieht und betreut) und den ganzen Scherbenhaufen bleibt ja immer wieder an uns Frauen (fast immer) hängen. es ist definitiv eine sehr grosse Ohnmacht und Wut...:(...gut habe ich vor 3 Tagen endlich dein Buch gekauft...ich muss schnellmöglich das Problem in mir lösen...danke dir
  • Liebe Corinne,

    danke für deinen Kommentar. Ja, ich kann dich zu gut verstehen und es ist eine Kunst in der Situation einen klaren Kopf zu behalten. Schaffe ich auch nicht immer.

    Ich wünsche dir alles Gute und ich freue mich am Ende des Buches über ein Feedback von dir. Gerne per Mail. Ich antworte dir.
    Viele Grüße

    Alexandra Widmer

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