Denke nie, du wärst zu wenig für dein Kind!

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Ich möchte in diesen Interviews alleinerziehende Frauen und Männer vorstellen, die von ihren persönlichen Strategien berichten, um einer Erschöpfung zu entgehen oder mit ihr umzugehen. Ich erhoffe mir von diesen Interviews, dass wir uns gegenseitig Anregungen und Hilfestellungen geben. Es geht mir NICHT darum ein perfektes Leben darzustellen! Ich möchte mit den Interviews Mut machen und anderen zeigen: „Ich bin nicht alleine.“

Worum geht es hier nicht:

Es geht hier nicht darum, den ehemaligen Partner/in, das Rechtssystem oder politische System massiv anzuklagen. In diesem Interview geht es alleine um deine innere Einstellung und was Du selbstverantwortlich tun und verändern kannst um einer Erschöpfung vorzubeugen. Falls es doch passiert ist, was nicht selten vorkommt, dann berichte sehr gern darüber.

Golnaz, 1 Kind, alleinerziehend

Wie heißt du? Was ist dein Beruf? Was begeistert dich?

Ich heiße Golnaz und ich arbeite als Talent Resourcing Partnerin (Personalbeschaffung) in einem internationalen Unternehmen. Mich begeistert das Leben an sich schon sehr. Ansonsten liebe ich meine Arbeit, gute Bücher, meine Freunde und natürlich meinen Sohn.

Seit wann bist du alleinerziehend? Wie viele Kinder hast du? Wie oft hast du einen Tag für dich frei?

Ich bin von Anfang an alleinerziehend gewesen. Ich habe einen Sohn, er wird in wenigen Tagen 12 Jahre alt. Mindestens einmal im Monat habe ich einen Tag frei. Aber da mein Sohn auch nicht mehr im Kleinkindalter ist, habe ich das Gefühl Stück für Stück meine zeitliche Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Er bekommt natürlich immer noch viel Aufmerksamkeit. 

Kannst du von einem Moment berichten, wo du an deine Grenze gekommen bist als Alleinerziehende? Was hast du gefühlt? Z. B. Wut, Angst, Traurigkeit, Hilflosigkeit, Einsamkeit, ein schlechtes Gewissen? Was war oder ist deine größte Herausforderung?

Anfang des Jahres hatte ich einen Moment (und es gab sicherlich viele dieser Momente, aber der ist nachhaltig präsent geblieben), als mein Sohn und ich beide furchtbar krank wurden und beide knapp zwei Wochen im Bett lagen.

Meine Mutter war zu der Zeit vereist und gefühlt war keiner da, den ich um Hilfe bitten wollte oder konnte.

Ich hatte meiner Arbeit gegenüber ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, da wir immer viel zu tun haben und ich das Gefühl hatte, eigentlich nicht krank sein zu dürfen.

Dann war mein Sohn auch krank und mir ging es richtig schlecht. Ich wollte eigentlich nur schlafen und sonst nichts.

Aber, wir mussten ja essen und natürlich geht ein krankes Kind vor den eigenen Bedürfnissen.

Also schleppte ich mich mit 40 Grad Fieber immer wieder zum Einkaufen und zum Arzt. Immer wieder machte ich den Haushalt und versuchte mich dennoch zwischendurch zu erholen.

Als es uns dann besser ging und der Alltag losging, hörte ich dann immer wieder von Freunden und sogar von meiner Chefin: „Wieso hast du nichts gesagt?“ – das konnte ich aber zu dem Zeitpunkt einfach nicht. Ich wollte niemandem zur Last fallen.

Wütend machten mich dann die verheirateten Mütter im Bekanntenkreis, die dann mir dann erzählten, dass sie das ganz genau kennen. Ich dachte dann immer: „Nein, ihr kennt das gar nicht“.

Aber tatsächlich habe ich meistens viel Unterstützung und das ist schön. Denn ich arbeite  in Vollzeit und oft auch mit Überstunden verbunden und versuche dennoch für meinen Sohn da zu sein. Genug Aufmerksamkeit für die Schule und für seine Themen aufzubringen und ihm niemals das Gefühl zu geben, dass ich keine Zeit für ihn habe.

Dies ist ein Spagat, der mir manchmal die Beine bricht. Und ohne die Unterstützung, die ich von meiner Familie und meinen Freunden erhalte, würde das alles gar nicht funktionieren.

Wie hast du das Problem gelöst? Was hast du daraus gelernt? Und falls du es noch nicht gelöst hast, was brauchst du noch dafür?

Ich praktiziere seit gut acht Jahren den Buddhismus und hole mir dadurch sehr viel Kraft um diesen wahnsinnigen Alltag zu bewerkstelligen.

Gab es einen schönen AHA-Moment, seitdem du alleinerziehend bist? Welche Stärken oder Eigenschaften hast du weiter ausgebildet? Falls es noch nicht so einem Moment gab. Was glaubst du wird diesen Moment eines Tages ausmachen?

Ich habe gelernt wirklich Verantwortung für mich zu übernehmen.

Durch die Trennung während der Schwangerschaft hatte ich jegliches Gefühl für meine Weiblichkeit verloren.

Ich fühlte mich wie ein Versager. Hatte keinen Job, bezog dementsprechend Hartz4. War verlassen und mit einem Kind alleine. Dazu noch hochverschuldet.

Dadurch, dass ich irgendwann angefangen habe, ernsthaft Verantwortung zu übernehmen, konnte ich mein Leben total ändern.

Ich konnte wieder anfangen meine Würde, als Mensch wahrzunehmen. Nach einem langen Kampf, wieder eigenes Geld verdienen und das soweit ausbauen, dass ich heute einen sehr guten stabilen Job habe. Letztendlich konnte ich eine sehr gute Beziehung zum Kindesvater aufbauen und ihn heute zu einen meiner besten Freunde zählen. Auch er hat dadurch angefangen sehr viel Verantwortung für seinen Sohn zu übernehmen.

Ich habe aber auch gelernt, dass Verantwortung für meinen Sohn zu übernehmen nicht zwangsläufig bedeutet, ihm alles abzunehmen.

Sondern ihm die Möglichkeit zu geben, selber Verantwortung zu lernen. Ich zeige ihm den Weg, bin schützend an seiner Seite – aber seinen Weg muss er gehen.
Mit all den Fehlern, die dazu gehören. Aber er ist nie alleine damit. Die Basis dafür ist mein bedingsloses Vertrauen zu ihm.

Einer der wichtigsten schützenden Faktoren vor einer Erschöpfung ist, Hilfe von Menschen anzunehmen und sich ihnen mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu zeigen? Wie gehst du damit um?

Für mich ist wichtigste Faktor vor Erschöpfung: Freude.

An Tagen an denen ich meinem Leben, meinem Alltag mit Freude und Leidenschaft begegne, kann ich mich diesen Alltagsmonstrum als Freund begegnen und absolut produktiv allen Hindernissen und Herausforderungen entgegenstellen.

Und ich versuche dankbar zu sein – auch wenn es mir oft nicht gelingt. Aber ich werde entweder von meinem Umfeld daran erinnert oder ich erinnere mich selbst daran. Dankbarkeit schützt mich oft vor der totalen Erschöpfung.

Ich muss noch lernen immer wieder Pause zu machen. Auch dann, wenn es oft nicht möglich ist. Es darf keine Floskel bleiben.

Was würdest du einer Alleinerziehenden empfehlen, die frisch alleinerziehend ist? Was hättest du gerne vorher gewusst? Oder falls es noch nicht lange her ist, was würdest du jetzt schon anders machen?

Ich würde sagen, dass man keine Angst haben soll. Die Situation ist auf jeden Fall zu meistern, auch wenn es schwer ist.

Aber auch, dass man Hilfe annehmen soll. Gute Nachbarn, Freunde, Familie. Ich glaube, so eine Mammutaufgabe kann ich nicht alleine schaffen.

Und ganz wichtig: Habe nie ein schlechtes Gewissen! Denke nie, du wärst zu wenig für dein Kind!

Kannst du dich loben? Was tust du, um dir selbst etwas Gutes zu tun? Womit belohnst du dich?

Ich lerne es noch mich mehr zu loben. Ich gehe wieder mehr aus und gehe total gerne tanzen. Das tut mir wahnsinnig gut und ich betrachte es als Belohnung.

Hast du ein Zitat, welches dir Mut und Kraft gibt?

Niemand ist perfekt. Und es gibt auch keine perfekte Umgebung, wo alles genauso ist, wie man es sich wünscht. Die Wirklichkeit wird nie ganz dem Idealbild entsprechen, wie Sie es haben wollten. Und so finden Sie überall Fehler, die Ihre Verzweiflung nähren und Ihre Unzufriedenheit weiter verstärken. Das ist ungefähr so, als würden Sie von einem Pflaumenbaum erwarten, dass aus ihm ein Kirschbaum wird. Lassen Sie sich nicht gefangen nehmen, dass die Dinge so ein müssen wie in Ihrem Kopf vorgezeichnet. Neue Menschliche Revolution, Bd. 6, S.26

Was kann man tun, wenn man sich einsam fühlt? Wie gehst du damit um?

Ich lerne noch damit umzugehen. Der Schlüssel für mich ist, selber mehr auf andere Menschen zuzugehen. Andererseits aber auch festzustellen, dass ich mir selber manchmal auch reichen kann und mich nicht zwangsläufig einsam fühlen muss, nur weil ich vielleicht keinen Partner habe. Und ich glaube, man kann sich in einer Partnerschaft einsam fühlen.

Was ich damit sagen will, dass eine Partnerschaft oder eine klassische Familie nicht zwangsläufig davor schützt sich nicht einsam zu fühlen.

Es ist eher eine Frage der eigenen Perspektive und inneren Einstellung. Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, dass gerade Alleinerziehende viele Entscheidungen alleine treffen müssen und den Alltag oft alleine gestalten müssen. Deshalb ist ein Netzwerk zur Stärkung sehr wichtig. 

Wie kannst du deine Erfahrungen für deine Zukunft anwenden? Was möchtest du unbedingt erleben? Gibt es ein Leben nach der klassischen Familie? Oder hast du darüber noch gar nicht nachgedacht?

Ich denke sehr viel darüber nach und ja, ich wünsche mir eine Familie im klassischen Sinne. Aber ich glaube, dass so eine Beziehung wirklich nur dann funktionieren kann, wenn wir unabhängig bleiben. Ich möchte mich nie mehr von einem Partner abhängig machen. Das Glück meines Kindes sollte auch nicht von einer funktionierenden Beziehung abhängig sein.

Eine Freundin sagte mir mal:

„Der passende Deckel zum Topf, der ist in dir. Du bist schon mit allem vollkommen ausgestattet um glücklich sein. Aber zwei verschiedene Töpfe, die auf dem Herd stehen, ergeben eine viel köstlichere Mahlzeit.“

Ich denke oft darüber nach und kann ganz viel mit dieser Einstellung anfangen.

Liebe Golnaz, vielen Dank, dass wir einen Einblick in dein Leben bekommen durften. Möchtest du Golnaz etwas sagen? Dann kannst du das jetzt hier in den Kommentaren tun.

Ich freue mich, von dir zu lesen.

Alles Gute für dich und deine Kinder.

Alexandra

P.S. Nur wenn es dir gut geht, dann geht es auch deinem Kind gut.

Bildquelle privat.

5 Kommentare

  • Hallo, danke für diesen Artikel! Ich hatte gestern Schüttelfrost und Fieber, musst mein Auto in die Werkstatt bringen und um 3 wieder Anna vom Kindergarten abholen!
    Und da hab ich wiedermal gemerkt wie schwer es für mich ist, Menschen um Hilfe zu bitten. Schlussendlich hab ich alles allein gemacht, saß dann mit Anna und Schüttelfrost zu Hause und tja . . . denke mir: es ist doch absolut menschlich um Hilfe zu bitten und ich schaff es auch nicht, weil ich denke das geht schon irgendwie das schaff ich. Die einzige, die ich immer fragen kann is meine Mum (ich hab auch kein Problem sie zu bitten mir zu helfen), die wohnt allerdings in Südtirol (8h entfernt), also in so einem Fall auch keine Option. Bei Freundinnen tu ich mir echt schwer. Abgesehen davon, dass die auch fast alle einen Fulltime Job haben. So recht weiss ich da auch nicht weiter! Wie kann ich denn besser damit umgehen?
  • Liebe Patrizia,

    danke für deinen Kommentar. Die Lösung besteht darin es zu tun, OBWOHL man Angst hat eine Absage zu bekommen. Es wird eine Überwindung sein, doch von mal zu mal wird es einfacher werden. Du brauchst neue Erfahrungen. Und zwar die Erfahrung mit Schüttelfrost Hilfe zu bekommen.

    Eine andere Frage: Was ist das Schlimmste was passieren würde, wenn du fragst?

    Alles Gute!Du schaffst das!
    Alexandra Widmer
  • Liebe Golnaz, liebe Alexandra,

    toll was Du alles geschafft hast. Ich war auch mit meinem 2. Sohn von Anfang an alleine.
    In einem Beratungsgespräch in der Erziehungsberatungsstelle, sagte mir der Psychologe, dass ich meinen großen Sohn nicht schützen kann, vor dem Leben, vor Unannehmlichkeiten usw., ich kann ihn nur auf seinem Weg begleiten. Das war wirklich ein Aha-Moment für mich und auch entlastend.
    Dein Zitat ist toll, ich schreibe es mir gleich ab. Ich musste schmunzeln und habe mich wieder erkannt - wenn man möchte dass ein Pflaumenbaum ein Kirschbaum wird.........
    Alles Gute weiterhin und danke Alexandra.

    Herzliche Grüße, Claire
  • Mich hat die Antwort auf die Frage mit der Grenze total angesprochen. Auch ich dachte sofort: Kranksein. Das ist eine der größten Herausforderungen wie ich finde. Selbst Kranksein und sich dann ums Kind kümmern. Und auch mir fällt es gerade in jenem Moment der absoluten Schwäche schwer, um Hilfe zu bitten. Dabei ist das das Normalste der Welt!
    Danke für Deinen Beitrag!
  • Sehr gern Eli! Übe weiter und du wirst es schaffen! LG Alexandra Widmer

Was denkst du?

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