Alleinerziehend(er) nach dem Suizid des Vaters

andrew ruiz 5578

Worum geht es hier?

Ich möchte in diesen Interviews alleinerziehende Frauen und Männer vorstellen, die von ihren persönlichen Strategien berichten, um einer Erschöpfung zu entgehen oder mit ihr umzugehen. Ich erhoffe mir von diesen Interviews, dass wir uns gegenseitig Anregungen und Hilfestellungen geben. Es geht mir NICHT darum ein perfektes Leben darzustellen! Ich möchte mit den Interviews Mut machen und anderen zeigen: „Ich bin nicht alleine.“

Worum geht es hier nicht:

Es geht hier nicht darum, den ehemaligen Partner/in, das Rechtssystem oder politische System massiv anzuklagen. In diesem Interview geht es alleine um deine innere Einstellung und was Du selbstverantwortlich tun und verändern kannst um einer Erschöpfung vorzubeugen bzw. damit umzugehen.  

Christina, zwei Kinder, alleinerziehend

Wie heißt du? Was ist dein Beruf? Was begeistert dich?

Ich heiße Christina und ich arbeite seit über 20 Jahren als Erzieherin. Beruflich begeistert es mich, wenn ich ein Kind auf seinem Weg begleiten kann, wenn es Fortschritte macht und sich endlich etwas traut. Privat begeistert mich ziemlich viel, ich bin offen für Neues, setze mich mit vielem auseinander.

Seit wann bist du alleinerziehend? Wie viele Kinder hast du? Wie oft hast du einen Tag für dich frei?

Meine Kinder (10 und 12) habe ich bis ich mich getrennt habe, weitgehend allein erzogen. Richtig alleinerziehend bin ich seit über einem Jahr. Ich habe nie frei, nicht mal eine Minute, da der Vater der Kinder nicht mehr lebt. So ist es also so, dass ich abends mit den Kindern ins Bett gehe, bzw. mit dem älteren Kind, da das jüngere Kind meistens schon schläft, und morgens mit beiden Kindern aufstehe.

Kannst du von einem Moment berichten, wo du an deine Grenze gekommen bist als Alleinerziehende? Was hast du gefühlt? z. B. Wut, Angst, Traurigkeit, Hilflosigkeit, Einsamkeit, ein schlechtes Gewissen? Was war oder ist deine größte Herausforderung?

Da ich schon immer alles alleine geregelt habe (Termine der Kinder, Alltagskoordination, gesunde Ernährung, einkaufen, etc.) hat mich die Trennung nicht in unbekanntes Gewässer geführt. 

Was mich aber sehr an die Grenzen gebracht hat war, als der Vater der Kinder sich das Leben genommen hat. 

Von diesem Moment an war ich so ganz alleinerziehend. Zudem musste ich es den Kindern sagen, mit meinen eigenen Gefühlen klar kommen, die Beerdigung organisieren und bezahlen, all die rechtlichen Dinge klären etc. Das war unmenschlich. Ich habe versucht, mir an einigen Stellen Hilfe zu holen und wurde oft stehen gelassen, das hat sehr viel Kraft gekostet.

Was auch eine sehr, sehr große Herausforderung ist, ist der Spagat im Alltag.

 Ich arbeite Vollzeit und muss in meinem Job 100 % bringen, zuhause wartet der Haushalt, Arbeit von zuhause aus, Kinder, Organisation etc. Das alles steht auf sehr wackeligen Füßen, denn ich bin nicht gesund.

 Jeden Tag, an dem es mir also schlecht geht, werde ich damit konfrontiert, dass ich die "Letzte" bin, die die Kinder noch haben. 

Das erzeugt einen enormen Druck. Ich muss gesund bleiben, ich muss Geld für uns verdienen, ich muss fit sein. Da der Alltag so viel an Zeit auffrisst, bleibt sehr wenig Zeit für die Kinder, ihre Belange. Dann kommt das schlechte Gewissen. Oft habe ich das Bedürfnis nach Ruhe und kann den Kindern nicht zuhören. Das erzeugt auch schlechtes Gewissen und noch mehr Druck.

Wie hast du das Problem gelöst? Was hast du daraus gelernt? Und falls du es noch nicht gelöst hast, was brauchst du noch dafür?

Ich versuche meinen Alltag mit Spontaneität zu erleichtern. Dann wird eben spontan mal nichts gemacht oder spontan ganz viel. Es gibt kein größeres Zeitkonstrukt, da es sowieso nicht eingehalten werden kann. Die Schule des älteren Kindes ist so unzuverlässig, dass es mit Planung eh keinen Sinn hätte. Die Spontaneität macht meine Kinder stark, weil sie auf alles gefasst sind. Sie können gut wegstecken und sich gut auf Neues einlassen.

Gab es einen schönen AHA-Moment, seitdem du alleinerziehend bist? Welche Stärken oder Eigenschaften hast du weiter ausgebildet? Falls es noch nicht so einem Moment gab. Was wird diesen Moment eines Tages ausmachen?

Der AHA-Moment war, als mir klar wurde, dass wir Freiheit haben. Nur ich allein (und die Kinder) entscheiden, was wir wollen, ob wir Pläne machen, was wir essen etc. Das schweißt zusammen und lässt das Leben ein bisschen leichter erscheinen.

Einer der wichtigsten schützenden Faktoren vor einer Erschöpfung ist, Hilfe von Menschen anzunehmen und sich ihnen mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu zeigen? Wie gehst du damit um?

Ich habe leider oft die Erfahrung gemacht, dass nicht jeder wirklich helfen will. Zudem bin ich ein Mensch, der schwer sagen kann, was er braucht, da schnell das schlechte Gewissen da ist. Ich habe aber gelernt, Hilfe anzunehmen und es zu äußern, bzw. darin liegt trotzdem noch mein Übungsfeld.

Was würdest du einer Alleinerziehenden empfehlen, die frisch alleinerziehend ist? Was hättest du gerne vorher gewusst? Oder falls es noch nicht lange her ist. Was würdest du jetzt schon anders machen?

Ein dringender Rat an alle angehenden Alleinerziehenden ist, dass es elementar wichtig ist, die Kosten aufzustellen und zu klären.

 Ich kenne einige Familien, bei denen es nicht gemacht wurde und es trifft immer die Mutter (im klassischen Fall, wenn die Kinder bei ihr sind). Es gibt viele Möglichkeiten, sich über Steuerklassen, Verdienst oder Unterhalt zu informieren, schließlich geht es dabei um die finanzielle Zukunft. Zudem ist es wichtig, dass man einige Personen um sich hat, die man im Notfall anrufen kann.

Kannst du dich loben? Was tust du, um dir selbst etwas Gutes zu tun? Womit belohnst du dich?

Ich kann ich nicht loben, auch das ist ein Übungsfeld, für mich und meine Kinder. Mir Gutes tun ist ein Stück Schokolade essen, kurz die Natur wahrnehmen, eine Blüte, eine Schnecke, innehalten.

Was kann man tun, wenn man sich einsam fühlt? Wie gehst du damit um?

Für mich sind soziale Netzwerke unerlässlich. Hier kann ich Kontakte knüpfen oder bereits bestehende erhalten. Telefonieren ist schwierig. Für Einsamkeit ist selten Zeit.

Wie kannst du deine Erfahrungen für deine Zukunft anwenden? Was möchtest du unbedingt erleben? Gibt es ein Leben nach der "klassischen Familie"? Oder hast du darüber noch gar nicht nachgedacht?

Ich möchte auf jeden Fall Spaß und Liebe erleben. Mit meinen Kindern und lieben Menschen. Das Leben einatmen und genießen.

Bildquelle: Unplash

2 Kommentare

  • Liebe Christina,
    ich war so berührt, als ich von Deinem Schicksal gelesen habe, weil es mir ganz ähnlich geht: Alleinerziehend mit zwei Kindern (10 und 6) nach dem Suizid meines Mannes vor über 3 Jahren. Ich kenne das Gefühl nur zu gut, die einzige Bezugsperson der Kinder zu sein und keine einzige freie Minute für sich selbst zu haben (außer teuer erkauft durch einen Babysitter) - aber dann doch diese Freiheit, sich mit keinem Ex-Partner abstimmen zu müssen: volle Verantwortung und volle Freiheit... manchmal ganz schön schwer. Ich wünsche Dir und Deinen Kindern alles, alles Gute und viel Kraft!
  • Liebe Maike,
    danke für deine Worte und Offenheit. Ich gebe es ihr weiter. Beste Grüße Alexandra Widmer

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